29 Jahre Kunstverein: Von Rosemarie Trockel bis zu Thomas Klegin

Schwerte. So geräuschlos und unbemerkt von der Öffentlichkeit sich der Kunstverein Schwerte im Februar diesen Jahres aus dem Kulturleben verabschiedet hat, so fulminant war doch seine Kunst-Geschichte, die er in den 29 Jahren seines Bestehens in der Ruhrstadt geschrieben hat. Chapeau, so muss man sagen. Mit Unterstützung von Ulf Weingarten, Künstlerischer Leiter seit der ersten Stunde, blättern wir im Archiv dieser bemerkenswerten Vereins-Vergangenheit. Heute: Von Rosemarie Trockel über  Kazuo Katase zu Thomas Klegin.

Los ging’s mit einem Strafmandat

Rosemarie Trockel vor der für Schwerte gefertigten Fotoübermalung „Sankt Viktor“, heute im Foyer der VHS

Rosemarie Trockel vor der für Schwerte gefertigten Fotoübermalung „Sankt Viktor“, heute im Foyer der VHS

Es ging los mit … einem Strafmandat. Rosemarie Trockel kam zum ersten Mal als Künstlerin in die Stadt, es war im Winter 1990, parkte in der Kampstraße vor dem Schaufenster von Haus Nr. 13, in dem der Kunstverein sein erstes Domizil aufgeschlagen hatte, ordnungsgemäß vor dem Schild des Parkverbotsanfangs. Bald schon prangte ein Strafzettel an ihrer Windschutzscheibe. Rosemarie Trockel nahm es gelassen: „Vielleicht taucht das noch einmal in einer meiner Arbeiten auf.“ Erst nach langem Hin und Her mit dem Ordnungsamt wurde das Strafmandat zwar nicht zurückgenommen, aber das Verbotsschild wurde um einige Meter versetzt, um Park-Missverständnisse künftig auszuschließen.

Rosemarie Trockel, heute in der Weltrangliste der Künstler ganz an der Spitze, wurde 1952 in Schwerte geboren – „zufällig“, wie sie betont. Als sie sich etwas vor der Zeit in die Welt drängte, da war ihre Mutter, eine geborene Müller, gerade bei den Eltern zu Besuch. So kam Rosemarie Trockel im Schwerter Marienkrankenhaus zur Welt. Ansonsten verbänden sie, wie sie bei ihren Besuchen in der Ruhrstadt immer wieder gerne betont, nur positive Gefühle mit Schwerte, weil sie viele ihrer Schulferien bei den Großeltern am „Nordwall“ verbrachte. Und wenn sie dann dort am Fenster saß, sah sie ab und an die Bauern mitten in der Stadt ihr Heu einfahren. Kein Wunder, dass ihre erste Ausstellung in Schwerte zu einer Hommage an diesen Geburts- und Ferienort geriet. Es begann 1990 mit dem Ausstellungstitel „Müllers Tochter“. Das Plakat zeigt einen mit einer Plastikplane abgedeckten Heuhaufen, in dem auch ein Gesicht angedeutet scheint, für das die Plane zum Kopftuch wird. Für die Stadt schuf sie damals die Fotoübermalung von St. Viktor, die heute im Foyer der VHS zu sehen ist. Neben anderen Überraschungen für die Schwerter hatte sie in ihrer dritten Ausstellung erneut eine Arbeit für Schwerte konzipiert, diesmal für den Ratssaal. Einen Tag lang hatte sie im Wuckenhof, dem zweiten Domizil des Kunstvereins, ihr Fotostudio eingerichtet und nach Maßstäben der Kriminalfotografie „en face“ und „en profil“ Schwerter Straßenhunde fotografiert. Die Stadt allerdings hatte leider nicht den Mut, diese Arbeiten anzukaufen. Sie ist aber zu sehen in dem Dokumentarfilm, der zum 600jährigen Bestehen der Stadt gedreht worden ist.

Auf der ganzen Welt vertreten

Das Tor zur Stadt stand Rosemarie Trockel immer weit offen, was sie denn auch mit ihrer Brunnen-Installation „Less sauvage than others“ („Weniger wild als andere“) auf dem Rohrmeisterei-Plateau und der temporären Installation „Schneeweiß“ im Winter des Jahres 2006 auf demselben Gelände noch unterstrich.

Auf der ganzen Welt ist Rosemarie Trockel inzwischen mit Ausstellungen vertreten und ebenso weltweit mit Ehrungen ausgezeichnet worden. Nichts liegt ihr allerdings ferner, als sich selber in den Mittelpunkt zu stellen oder sich auch nur dort verortet zu sehen. Dazu eine Anekdote: Als ihr 2004 im Kölner Museum Ludwig der Wolfgang-Hahn-Preis verliehen wurde, da schien die Künstlerin der Veranstaltung nicht beizuwohnen, auch während der Laudatio war sie nirgends zu sehen. Als die kleine Schwerter Gruppe, die dem Ereignis beigewohnt hatte, den Saal verließ, da stand die Trockel vor der Türe. Verdutzte Gesichter und dann ihre Erklärung: „Ich wäre schon längst weg, aber ich habe gedacht, vielleicht sind ja welche vom Schwerter Kunstverein hier. Auf Sie habe ich gewartet.“

Wegbereiter für Kazuo Katase

kv-kataseAuch eine andere Installation im Landschaftspark der Rohrmeisterei dürfte es wohl kaum ohne den „Wegbereiter“, den Kunstverein Schwerte, auf das Plateau geschafft haben: Die Lichtskulptur „Helle Kammer“ des Japaners Kazuo Katase. Man schrieb das Jahr 1986, als sich kunstinteressierte Schwerter von Jan Hoets berühmter Ausstellung „Chambres d’Amis“ in Gent zur Bildung eines Schwerter Kunstvereins inspirieren ließen. Die Leute standen Schlange vor der Installation „Kreuztragung“ von Katase. „Lohnt es die Mühe?“ wandte sich eine Frau an die Schwerter Gruppe. Sie scheute sich, eine Wartezeit von etwa 45 Minuten in Kauf zu nehmen. Antwort der Schwerter: „Wohl kaum eine andere Arbeit eher als diese!“ Nach der Gründung des Kunstvereins ein Jahr später dann irgendwann dieser Wunsch: Einmal Katase! Aber das wurde ein langer Prozess. Irgendwann der resignierende Gedanke, dass man seine Ziele vielleicht auch zu hoch gesteckt haben könnte. Und dann der beglückende Anruf: „Ja, wir können zusammen eine Ausstellung planen.“ Die Freude war einfach riesig!

Das Licht und die Kunst

Bei der Ausstellung „OrtRaum Sommernacht“ im Jahre 1999 ging der Künstler, der hauptsächlich raumbezogen arbeitet, sehr spezifisch auf die Räume im Wuckenhof ein. Immer wieder wurde deutlich, dass ein wesentliches Element in der Kunst von Kazuo Katase das Licht ist. So wurde der Lichteinfall in die Räume genau beobachtet, die Positionen der Objekte exakt darauf abgestimmt, selbst ein Fensterschatten wurde aus Karton nachgebildet und unter der Decke positioniert, wo er zur entsprechenden Tageszeit von der Sonne immer wieder leicht erhellt wurde. Seine Arbeit „Das schlafende Haus“ in den von blauem Licht durchfluteten Räumen betörte die Besucher. Katase ist ein Künstler, bei dem nichts im Ungefähren bleibt. Der Stuhl, der wie durch die Wand schwebend im Raum 2 angebracht werden sollte, bereitete dem Künstler wegen der Beschaffenheit der Wände technische Probleme. Schließlich war es geschafft, aber Katase war keinesfalls zufrieden. Die Position stimmte nicht, da musste alles wieder demontiert werden. War es Zufall oder Bestimmung, dass ausgerechnet in dieser Situation der Schwerter Künstler Thomas Klegin auftauchte und Katase  ruhig und gezielt zur Seite sprang? Da hatten sich zwei gefunden, für die es auf den Millimeter ankommt. Und endlich war es soweit: Der Stuhl schwebte durch die Wand in den Raum, jetzt stimmte die Arbeit perfekt und versetzte in dem blau gefärbten Raum-Licht den Besucher in eine andere Welt.

Gefeierte Installationen von Thomas Klegin

Überraschend, hintergründig, geheimnisvoll: Mit höchstem Lob aus berufenem Munde und zahlreichen Preisen bedacht worden sind auch die gefeierten Installationen von Thomas Klegin. Der Mann ist ein Sammler aus Leidenschaft, der aus ausrangierten Alltagsgegenständen opulente Kreationen schafft. War er einst auf Türen, Stühle oder ausgediente Weihnachtsbäume versessen, so konzipierte er später aus 17 Tonnen  Zeitungs-Altpapier ein verschachteltes Haus im Haus für die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck. Kein Wunder, dass der Schwerter Kunstverein den Künstler in einer umfangreichen Werkschau mit einer Einzelausstellung in seiner Heimatstadt würdigen wollte.

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Installation aus Kiefernnadeln. Mit geometrischen Formen aus völlig unregelmäßigem Material und dem Wechselspiel von Halbkreis und Rechteck schafft es Thomas Klegin auch hier, Widersprüche zu einer Einheit zusammenzufügen.

„Prolog“ war die Ausstellung im Frühjahr 2012 im Wuckenhof überschrieben, die parallel zur Ausstellung seiner Studenten in der Hauptstelle der Sparkasse präsentiert worden ist. Es war das größte Geburtstagsgeschenk, das sich der Kunstverein zu seinem 25-jährigen Jubiläum erfüllte. Einmal mehr erwies sich der Künstler als Meister darin, die Widersprüche der Welt anscheinend mit leichter Hand zur Sprache zu bringen. Für Klegin war diese Ausstellung eine besondere Herausforderung. Als Bildhauer hatte er bislang bundesweit bei temporären Großprojekten ganze Häuser und Plätze bespielt, jetzt galt es, sich im vergleichsweise winzigen Wuckenhof mit ausgesprochen kleinen Spielflächen zu begnügen. Gleichwohl gelang es ihm einmal mehr, mit seiner Kunst alle Sinne zu berühren. So hatte er in den hellsten und schönsten Raum des Kunstvereins säckeweise „Natur pur“ hineingeschleppt: Nadeln der Schwarzföre, einer vor allem in Österreich vorkommenden Kiefern-Art mit hohem Harzgehalt. Eine rechteckige Mauer und ein halbrundes Iglu, geschichtet aus eben diesen Kiefernnadeln, bildeten diese beeindruckende Raumplastik. Ein Natur-Kunstwerk, das die Besucher in Staunen versetzte. Allein schon der Duft, den es ausströmte. Ganz großes Kunsterlebnis auf kleinem Raum.

Bildstock – Die Skulptur im öffentlichen Raum

Wie von Rosemarie Trockel und Kazuo Katase so gibt es auch von Thomas Klegin eine Skulptur im öffentlichen Raum. „Bildstock“ ist seine Arbeit überschrieben, die auf dem Cava-dei-Tirreni-Platz steht: Ein Stahlmast, an dem elf Verkehrsspiegel  von unterschiedlicher Größe befestigt sind. Die Spiegel erfassen das Umfeld der Fußgängerzone und reflektieren es dem Betrachter. Sehr bewusst hat der Künstler seine Spiegel in ihrem Winkel, ihrer Höhe und Richtung zur Umgebung hin ausgerichtet. So zeigen sich dem Vorübergehenden Perspektiven, die er ohne den „Bildstock“ nicht wahrnehmen könnte. Kein Zufall, dass einer der Spiegel den Turm von St. Viktor spiegelt.

Die Mitwirkung des Künstlerischen Leiters des Kunstvereins in der Stiftung Kultur der Sparkasse hat auch dazu beigetragen, dass es heute den „Bildstock“ auf dem Cava-Platz gibt.

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Kommentare

Comments

  • Oliver Wittershagen 10. Oktober 2016 at 13:57

    Klasse Rückschau!

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