Christopher Wartenberg und „Der tiefere Sinn des Nachbarschaftsgedankens“

Schwerte. Nicht nur die USA erleben einen unbeherrschten, unkontrollierbaren Präsidenten. Der Klimawandel ist bereits im Gang, dennoch handeln wir, als wäre nichts geschehen. Unsere Weltordnung ist bedroht – wie können wir uns wehren? Wenn Christopher Wartenberg nach vier Jahren im Amt des Oberschichtmeisters der Schwerter Nachbarschaften ein Fazit aus seiner ehrenamtlichen Tätigkeit zieht, dann vor allem dieses: „Dass mich mein Weg im nächsten Jahr auch in die Politik führen wird.“ Sagt es und tritt damit in die Fußstapfen eines seiner großartigen Vorgängers, dem Gründer des Schwerter Oberschichtes im Jahre 1950 und ersten Oberschichtmeister Norbert Kaufhold. Der Schwerter Kaufmann war von 1924 bis 1933 in der Zentrumspartei engagiert, bevor sie von den Nationalsozialisten verboten wurde.


Kaufholds Amtszeit, erinnert Wartenberg, war deutlich geprägt von selbst auferlegter gesellschaftlicher Verantwortung und einem tiefen Wunsch nach Frieden. Kaufholds Motivation habe bis heute überlebt und bilde den Kern aller Aktivitäten des Oberschichtes. Um daran festzuhalten hat Wartenberg immer wieder aus Kaufholds Broschüre „Der tiefere Sinn des Nachbarschaftsgedankens“ aus dem Jahre 1956 zitiert: „Jedem muss wieder zum Bewusstsein kommen, dass der andere die gleichen Rechte an das Leben hat wie er, dass er Freud und Leid genau wie er empfindet und dass er auf menschliche Anteilnahme ein natürliches Recht hat.“ Appelle, mit denen Kaufhold auch heute noch seinem jungen Nachfolger im Amt aus dem Herzen spricht.

Alle unter einem Dach

Und noch eine Erkenntnis möchte der scheidende Oberschichtmeister, der im März 2018 aus Gründen seiner neuen Lebensplanung dieses und all seine anderen Ehrenämter niederlegt, allen Vereinen, die sich Heimatthemen verschrieben haben, mit auf den Weg geben: „Um zu überleben, sollten sie sich alle unter einem Dach bündeln.“ Alle, damit sind Heimatverein Schwerte, Hanseverein, Förderverein Ruhrtalmuseum und das Oberschicht gemeint. „Die Leute treten aus oder sie sterben weg und der Nachwuchs bleibt weitgehend aus“, hat Wartenberg in all den Jahren seiner Vereinsarbeit erfahren müssen. Überhaupt habe das Schichtwesen nur dann das Potenzial, ein Zukunftsmodell zu sein, wenn es dieses Ansinnen von Kaufhold wieder stärker ins Visier nimmt: Dass Bürger sich einbringen, „Kaufhold wünschte sich ein politisch engagiertes Schichtwesen“, bringt Wartenberg das auf den Punkt. Heute noch wertet er es geradezu als „genialen Schachzug“, dass Kaufhold dafür sorgte, dass Bürgermeister und Stadtdirektor geborene Mitglieder des Oberschichtes sind. Wartenberg: „Damit hat das Oberschicht immer einen direkten Draht zur Stadtspitze.“

An der Hand von Ernst Kunert

Eigentlich waren Wartenbergs erste Berührungen mit dem Schichtwesen alles andere als erfreulich. Als er 13 Jahre alt war, da übernahm sein Vater das Amt des Schichtmeisters. Schnell handelte sich der Sohn – zu seinem großen Verdruss – den Spitznamen „Schichti“ ein. „Der Name ist unglaublich hängen geblieben und ich habe mich lange dagegen gewehrt“, blickt sein Träger zurück. Erst viel später habe er sich arrangiert und akzeptiert, „gut, das ist jetzt mein Spitzname.“ Kein Wunder, dass er sich später im Verlauf seines Studiums im Fachbereich Volkskunde mit Nachbarschaftsfragen auseinandersetzte, kein Wunder, dass seine Magisterarbeit sich dem Thema „Das Schwerter Schichtwesen: Struktur und soziale Funktion“ widmete. Als es an der Zeit war, seine Recherchen zur Magisterarbeit aufzunehmen, da suchte und fand er Kontakt zum damaligen Oberschichtmeister Ernst Kunert. „Der hat mich an die Hand genommen und mir überall die Türen geöffnet.“ So rutschte der heute 32-Jährige nach und nach in eine ganze Palette von Ehrenämtern hinein: Im Hanseverein wurde er Schriftführer, half bei der Durchführung des Pannekaukenfestes und fuhr zu den Hansetagen. Im FreiwilligenZentrum Die Börse ist er 2. Vorsitzender, zudem ist er Mitglied in der Entwicklungsgruppe Bürgerkommune und im Arbeitskreis Museumsausstellung. Im Förderverein Ruhrtalmuseum übernahm er die Öffentlichkeitsarbeit und schließlich die anspruchsvolle Reihe „Montags im Museum“. Fakten gefällig? 2.456 Besucher zählt die Reihe seit 2013, insgesamt 63 Referenten stellten sich vor mit spannenden Vorträgen bei denen 4.630 Euro an Spenden für den Förderverein zusammen kamen.

Schichtwesen reformbedürftig

2012 wurde Wartenberg Beisitzer im Oberschicht und trat schließlich 2014 die Nachfolge von Oberschichtmeister Ernst Kunert an. Das Schichtwesen, hat er erkannt, „ist reformbedürftig. Überholt sind alte Strukturen wie oben sitzt der Schichtmeister und entscheidet alles. Offene Arbeitskreise haben die Verantwortung übernommen. In einigen Schichten hat sich das bewährt.“ Wohin die Reise in die Zukunft gehen soll, das soll bei einem offenen Workshop im Frühjahr des nächsten Jahres zum Thema „Perspektiven des Schwerter Schichtwesens“ erarbeitet werden. Ein vorrangiges Ziel formuliert der Oberschichtmeister so: „Die Bürger mehr in demokratische Prozesse einbinden.“ Da ist er wieder, der vorbildliche Gedanke von Norbert Kaufhold. Voller Hoffnung zeigt sich der scheidende Schichtmeister, dass die Ergebnisse des Workshops „zur neuen Ausrichtung des Schichtwesens führen kann.“ So soll gemeinsam mit allen Schichten ausgehandelt werden, wie das traditionsreiche, aber auch in die Jahre gekommene Schichtwesen auf die Herausforderungen einer sich rasant verändernden Welt reagieren kann. Die Schichte, zeigt der Oberschichtmeister auf, „können nicht nur zur kulturellen Bereicherung beisteuern, sondern auch gegenseitigen sozialen Beistand leisten. Von der Kinder- bis hin zur Altenbetreuung, zur Unterstützung junger Familien und Alleinerziehender, gegen soziale Kälte, Ausgrenzung, Vereinsamung, Überforderung.“ Den Mehrwert für alle umreißt Wartenberg so: „Ein harmonisches Miteinander und friedvolles Zusammenleben.“

Die Weihnachtsbotschaft

Seine Nachfolge zu regeln, darin sieht Christopher Wartenberg kein Problem. So stellen sich bei der Mitgliederversammlung des Oberschichtes im März 2018 zwei Kandidaten zur Wahl. Bar seiner Ehrenämter will sich Wartenberg dann mit Hochdruck seiner Doktorarbeit widmen. Die schreibt er zum Thema „Kulturgeschichte des Stotterers“ im Fachbereich Kulturanthropologie.

Zuvor hat der Oberschichtmeister aber noch eine Weihnachtsbotschaft an die Schwerterinnen und Schwerter:

„Schwerte ist spürbar im Umbruch begriffen, und damit meine ich nicht nur die Bürgermeisterwahl. Der Tod unserer Ehrenoberschichtmeisterin Diethild Dudeck im August bedeutete für mich eine deutliche Zäsur, sowohl im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt als auch für meine persönliche Biografie. Neben neuen Gesichtern im Stadtarchiv, in der VHS, der Musikschule, dem Kulturbüro, der ev. Gemeinde und an vielen weiteren Stellen werden wir nun im kommenden Jahr auch einen neuen Bürgermeister kennenlernen. Und voraussichtlich auch einen neuen Stadtplaner oder einen neuen Lehrer am FBG bekommen. Da der amtierende Bürgermeister geborenes Mitglied im Oberschicht der Schwerter Nachbarschaften ist, wird sich also auch an dieser Stelle ab nächstem März ein ganz neues Bild ergeben. Ich wünsche meinem Nachfolger, meiner Nachfolgerin viel Erfolg bei allen Projekten, Herausforderungen und Chancen.“

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