Erwin Grosche: Literarischer Amokläufer mit kindlichem Gemüt

Erwin Grosche eröffnete am Samstag die 60. Schwerter Kleinkunstwochen.


Von Andrea Reinecke

Schwerte. Herr G. aus Paderborn hat sich einen neuen Anzug schneidern lassen, er ist gerade 60 geworden und weiß schon längst, wie wichtig der erste Eindruck ist. Dass in der ostwestfälischen Tiefebene ein ganz besonderes Kleinklima herrscht, wird an der sachkundigen Ausarbeitung deutlich: Maßgeschneidert, kindlich-naives Muster, als Tribut an die spießige Gemütlichkeit der späten 50er Jahre, ein fester Griff und eine starke Struktur und logisch: der dritte Knopf offen. Da ist doch der Anzug ganz der Träger und authentisch mäandert sich der Allroundkünstler nun im Paderborner Tempo mit dem Publikum durch Alltagssituationen.

grosche3Was Föhn und Staubsauger schon immer mal sagen wollten…

Diverse Begegnungen mit der Polizei, ein kleiner Schlendergang über den Palaver-Markt mit dem gesunden Angebot der Beschicker („Wenn ich es gesund wollte, könnte ich auch eine Banane zum Kaffee essen.“). Er spricht aus, was Föhn und Staubsauger immer schon mal sagen wollten. Das Publikum sitzt mit Familie Grosche und dem kleinen Erwin in feinem Zwirn auf der Couch, die da noch Sofa hieß, und schaut sich „Einer wird gewinnen“ mit Hans Joachim Kuhlenkampf an – da wird auch deutlich, wer den Anzuggeschmack geprägt hat. Es lauscht in der Küche der absurden Freidenkerhymne: Nivea-Ode. Das Leben könnte so einfach sein, hätte jeder so einen kleinen Grosche daheim, der den Alltag einfach mal ganz anders sieht.

„Streuselkuchen – sieht erst aus wie eine Mondlandschaft ohne Gott, aber dann findest du die Rosinen.“

Dr. Christine Mast leitet in den Abend und formuliert die verdrehte Weltsicht auf ihre Weise: „Das Kulturbüro denkt an Geld und die Sparkasse an Kultur. Das ergänzt sich doch ganz wunderbar.“ Paderborn muss nicht all zu weit von Hannover, der Heimat des Dadaismus liegen, denn die anarchische Mischung aus Musik und Lyrik, aus kindlicher Weltsicht und leiser Philosophie dockt mühelos an das Erbe an. Wenn die Peter Sloterdijk Entspannungstasche mit den gewichtigen Ergüssen der Meister befüllt wird, wenn dann noch C.G.Jung dazukommt, dann wird aus dem Baumwollbeutel ein Luftabschneider.

„Wir haben in Paderborn ja noch Stefan Effenberg. Mal sehn´vielleicht kommt danach Roberto Blanco!“

Nur oberflächlich simpel denkt Grosche mal gleich die ganze Welt neu. So kaschiert er sein latent agressives Verhalten gegen Sportler mit Humor und kreativen Einfällen: Einfach mal dem Jogger einen gepflegten Hölderlin-Reim in die Seite werfen, damit er erkennt, was Leistung heißt, einfach mal eine Sportgruppe ohne Leistungsgedanken in den eigenen Räumlichkeiten mit der Trendsportart „Schläfchen“ gründen, einfach mal mit der Grosche-Methode entschleunigen: Eine Badewanne voller Nudelsalat kann dabei helfen, die genussvolle Lektüre der Fernsehzeitung auch.

Immer wieder staunen, staunen, staunen

Hinterfragen, die Dinge zu Wort kommen lassen, denn auch so ein Spülschwamm ist auch nur ein Mensch, und immer wieder staunen, staunen, staunen. Eine Lebenshaltung, die beim Publikum in der Stadtsparkasse ankommt. Detlef Lorbeer von der Sparkasse merkt sich ein paar Sätze für absurde Einwürfe bei der nächsten Konferenz, Hans-Werner Spieker, der einst mit Grosche die Schulbank im katholischen Paderborn drückte, erkennt die ganz besondere Denkweise von damals wieder. Und mit dem Auftakt zur Kleinkunstreihe zeigt sich auch Heike Pohl zufrieden: „Wir sind in der 60.sten Spielzeit und Erwin Grosche ist ein würdiger Auftakt.“ Und morgen geben wir einfach mal eine Lebensanzeige auf: „Bin noch da, komm vorbei, Nudelsalat gibt es auch!“ und wer weiß, vielleicht leben wir dann auch mal an den Wochentagen den Paderborner Pazifismus mit Indianer und Tomahawk.

Der nächste Auftritt im Rahmen der Kleinkunstwochen findet am 4. März (Freitag) ab 19.30 Uhr in der Rohrmeisterei statt. Zu sehen sind die „Chapertons“ aus Spanien mit ihrem Programm „Boom“.

Mehr dazu unter: http://www.kuwebe.de/html/das_kulturburo.html

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