Happy birthday, Rosemarie Trockel

Verehrte Frau Trockel,

Autorin Andrea Reinecke

wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Ich weiß schon, es lag eher an mir, ständig diese routinierten Tagesabläufe in der Provinz – die Socken wollen gestrickt, die Flure gewischt werden. Da schau ich dann ab und an in die Ausstellungskataloge und denke so bei mir: wie zeitlos, wie ewig rau und bittersüß. Eine Kunst voller Bodenhaftung und Leichtigkeit. Verspielt und lebensklug, ironisch und mit einer Aktualität auch nach Jahrzehnten, die sie zu recht zu etwas ganz Besonderem machen. Die Kunstwerke in den Fluren der VHS, die Ausstellungen im Kunstverein – all das hat mich geprägt und begleitet.

Die Documenta Schweine, die Strickbilder, meine persönliche Erinnerung an ein tolles Konzert mit beleuchteten Wassereimern mit atonaler Musik in Bochum. Damals war ich noch jung und dachte, es ist einfach – aber nicht banal, es ist leicht – und doch nicht wackelig, es ist eine neue Sicht auf die Dinge und die Welt. In Wassereimern Säulen zu erkennen – wer das kann, ist schlicht gesegnet. Voller Bewunderung vor den Ideen, der Mischung aus Haptik und Farbenvielfalt, dem Themenkanon habe ich Ihre Wege immer aus der Ferne begleitet. Dann die ausgekleideten Räume mit Goldfaden in der Kampstraße – dem alten Sitz des Kunstvereins. Einfach herzerweichend und gleichzeitig durchdacht.

Eine Zeitschrift namens Max (5 Mark) habe ich mir regelmäßig gekauft und die Bilder und Kunstwerke „to go“ herausgerissen. Da war auch ein Waschlappen von Ihnen dabei – und Waschlappen kann man ja sowieso nie genug haben. Ich habe geschmunzelt und ihn geknüllt und mit Seife an einen Haken gehängt. Sie merken – vergessen habe ich Sie nie, Sie sogar in mein Bad und mein Hirn gelassen.

Den Schwerter Geysir auf dem weiten Rohrmeistereiplateau (sagen wir seinen richtigen Namen: „ Less sauvage than others“) sehe ich immer auch mit einem Lächeln an und überlege, ob wir wohl einen Eimer Seife hineingeben sollten, wie sie das auf Island tun, um eine mächtige Fontäne zu erzeugen. Ich bin mir aber sicher, DAS soll so: Das soll so sei wie es ist und genau SO. Es ist eine Anmerkung in Wasser, eine Ahnung…und eines Tages, eines Tages schießt das Ding einfach hoch bis in den Himmel und die herabstürzenden Wassermassen füllen die Ruhr und ich lasse ganz sanft ein kleines Boot aus Papier auf die Ruhrfluten und es kommt bei Ihnen an…am Rhein oder wo immer die Künstlerin gerade steckt.

Jetzt ziehe ich mich gleich an – im Ruhrtalmuseum wird ab 20 Uhr gefeiert: 65ster – die Quersumme ist 11 – mit elf macht man wundervollen Blödsinn und mit 65 noch immer große Kunst.

Happy birthday, Rosemarie Trockel, happy birthday Ruhrstadtkind!

Ihre Provinzlerin Andrea Reinecke

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