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„Wir wollen Sinn statt Verwaltung“: Margret Rasfeld und ihre ganz andere Schule

Margret Rasfeld hielt einen beeindruckenden Vortrag vor voll besetzten Reihen.

Schwerte. „Sie haben eine tolle Chance, wenn Sie eine neue Schule gründen. Eine alte Schule zu verändern ist viel schwerer!“ Mit diesem Satz holte die vielfach ausgezeichnete Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld in der Rohrmeisterei ihre knapp 150 Zuhörer in der Schwerter Realität ab. Tatsächlich wird zur Zeit am Konzept der neuen Gesamtschule gearbeitet, die im Schulzentrum Nord-West ihr zuhause finden wird. Eine Arbeitsgruppe formuliert aktuell die Grundprinzipien dieser neuen Schule. Inspirationen, wie sie die Leiterin der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte reichlich im Angebot hatte, fallen also auf fruchtbaren Boden.

Frische Ideen und konstruktive Ratschläge

Diesen Zusammenhang betonte Claudia Hülsmeyer als Vorsitzende der Schwerter Stadtschulpflegschaft, die zu dem Vortrag von Margret Rasfeld eingeladen hatte. Die gesamte Schullandschaft in Schwerte ist im Umbruch sagte Claudia Hülsmeyer: „Vier Schulen laufen aus, eine neue Gesamtschule wird gegründet, Grundschulen bangen angesichts der demographischen Entwicklung um ihre Zukunft.“ Auch die Aufgabe, Flüchtlingskindern eine wirkliche Bildungsperspektive zu bieten, stelle sich von Tag zu Tag in dramatischerer Weise. Umso dringender seien frische Ideen und konstruktive Ratschläge vonnöten.

Mängel im konventionellen Schulsystem

Referentin Margret Rasfeld wies darauf hin, wie offenkundig die Mängel des konventionellen Schulsystems seien. Deutschland belege nur einen nachgeordneten Platz im Bereich der Exzellenz. In keinem anderen Land der westlichen Welt gebe es einen so unmittelbaren Zusammenhang zwischen Elternhaus und Schulabschluss der Kinder. Immer mehr Schüler müssten in psychologische Behandlung oder nähmen Medikamente. All dies zeige, wie dringend notwendig es sei, Schule neu zu denken.

Faszinierende Einblicke

Der pädagogisch durchaus anspruchsvolle Abend in der Rohrmeisterei bot faszinierende Einblicke in eine ganz andere Schulwelt. Tatsächlich ragt die von der Referentin geleitetete Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin wie ein Leuchtturm ebenso eigenwillig wie erfolgreich aus der gewohnten Schulebene heraus. Klassenverbände sind dort weitgehend aufgelöst, Schüler unterschiedlicher Jahrgänge lernen selbstständig und helfen einander, bevor der Lehrer befragt wird. Welches Fach man heute bearbeiten möchte, bestimmen die Kinder selbst. Es gibt keine Noten oder feste Klassenarbeitstermine. Übergeordnete Werte wie ‚Gemeinschaft‘ und ‚Verantwortung‘ sind in den Rang von Schulfächern erhoben worden und stehen gleichberechtigt neben Deutsch, Englisch und Mathematik. Trotz dieser unkonventionellen Strategien funktioniert die vorgestellte Berliner Schule auch im Zusammenhang mit herkömmlichen Kategorien. Dort machen überdurchschnittlich viele Schüler das Zentralabitur, „das vom Notendurchschnitt her Zweitbeste in Berlin“.

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Claudia Hülsmeyer (r.), Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft, begrüßt Margret Rasfeld.

Schule im Aufbruch

Das Netzwerk, das die Referentin Margret Raesfeld gegründet hat, nennt sich ‚Schule im Aufbruch‘. Diesen Aufbruch verkörperten in der Rohrmeisterei in überzeugend freier und kompetenter Art und Weise zwei 15 und 16 Jahre jungen Schülerinnen, die ihre Rektorin nach Schwerte begleitet hatten. Was Alma und Djamila in der Rohrmeisterei schilderte, ließ die Zuhörer, davon sicher zwei Drittel Lehrerinnen und Lehrern, häufig ungläubig staunen. „Bei uns geht das so: Heute habe ich Lust auf Mathe, ich gehe in den Fachraum und erarbeite mir das gesetzte Thema mit den entsprechenden Materialien. Wenn ich Problem habe, frage ich ältere Schüler, nicht den Lehrer. Wenn ich mich fit für den Test fühle, dann schreibe ich ihm. Ich bekomme keine Noten, sondern ein Zertifikat, dass meine Stärken und Schwächen beschreibt. Dann weiß ich, was ich besser machen kann“, so die jungen Frauen aus der Jahrgangsstufe 11.

Verantwortung und Herausforderung

Was Eltern und Lehrer unter den Zuhörern merklich faszinierte, das war die konkrete Umsetzung der Projekte ‚Verantwortung‘ oder ‚Herausforderung‘ als Schulfach. „Verantwortung bedeutet zum Beispiel, dass wir in den Jahrgängen sieben und acht je zwei Stunden in der Woche in einem Projekt für die Gemeinschaft arbeiten. Die coolen Jungs gehen in den Kindergarten und werden dort zu liebevolle Vorlesern, die von den Kindern geliebt werden“, so beschrieben die beiden Schülerinnen ihre Erfahrungen. Dazu kommen unter der Überschrift ‚Herausforderung‘ je dreiwöchige Projekte in den Jahrgängen acht, neun und zehn, die außerhalb von Berlin angesiedelt sein müssen und die nicht mehr als 150 Euro kosten dürfen. Auf fünf Schüler kommt dabei eine erwachsene Aufsicht. Alma und Djamila waren in ihrem letzten Projekt in England, die Anreise bezahlte die Deutsche Bahn im Tausch gegen ein Coaching von Bahnmanagern durch die Berliner Schülerinnen. Alles von den jungen Leuten selbst ausgedacht und organisiert – Initiative pur.

„Trauen Sie sich etwas“

Genau dort hatte Schulleiterin Margret Rasfeld das Hauptziel ihrer Berliner Schule in ihrem engagierten Vortrag angesiedelt: „Wir wollen flexible junge Leute ausbilden, die verantwortlich organisieren können und wollen und nicht nach Eltern oder Lehrern rufen, wenn etwas nicht wie erwartet läuft. Potenzialentfaltung heißt Zutrauen. Wir wollen Sinn statt Verwaltung. Wir wissen ganz viel, aber wir kommen nicht zum Handeln“. Und als Rat gab sie ihren häufig staunenden Schwerter Lehrerkollegen in schulischen Umbruchzeiten diesen Rat mit auf den Weg: „Trauen Sie sich etwas. Das Gesetz erlaubt mehr als wir denken.“

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Kommentare

Comments

  • Habedaank 9. September 2015 at 10:33

    Endlich ein Vortrag, der eine andere Schule mit anderen Inhalten und Eigenverantwortung der Lernenden und Lehrenden aufzeigt.
    Politik und Verwaltung: Zeigen sie Mut zur neuen Schulform!
    Mögen die Konservativen sich nicht verweigern.

    Maria und Karl E. Habedank

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