Gerd Schiwiora mit den Flüchtlingen auf Besichtigungstour. Foto: Martin Krehl
Schwerte. Ein Lehrer aus Nigeria, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Aleppo in Syrien, ein Maler und Anstreicher aus Afghanistan – insgesamt acht nach Schwerte geflüchtete Männer besichtigten die Werksanlagen der Firma Deutsche Nickel am Rosenweg. Mit Händen und Füßen, etwas Englisch und erstaunlich viel Deutsch konnten Marketingleiterin Kathrin Knostmann und Werksrentner Gerd Schiwiora die komplizierten Produktionsprozesse in Holzen rüberbringen.
Vor vielen, vielen Jahren hatten mal türkische Laster am Rosenweg schwer geladen – Patronenhülsen für den Iran-Irak-Krieg. Beide Kriegsparteien kauften gleichzeitig beim Nickelwerk in Schwerte ein. „Das ist lange her“, kommentierte Gerd Schiwiora einen spannenden Teil der Vergangenheit seines einstigen und langjährigen Arbeitgebers. Heutzutage umfasst das längst schon durchweg zivile Portfolio der Produktionsstätte in Holzen Qualitätsrohlinge etwa für die Medizintechnik, Optik, Automobilbau oder für Offshore-Bohrinseln. Überall, wo langlebiges Metall gebraucht wird, kommt der Sachverstand der Belegschaft der Deutschen Nickel zum Zuge.
Dass dermal einst bis zu 2000 Menschen in den riesigen Hallen arbeiteten, dass nunmehr etwas mehr als 200 hochqualifizierte Spezialisten am Werk sind, dass unter ihnen auch Frauen im Schichtdienst in der Produktion arbeiten – all‘ diese Informationen ließ die Besucher staunen.
Münzrohlinge aus Holzen
Vielleicht stammten sogar die Rohlinge der Münzen in ihren Heimatländern aus Schwerte-Holzen; bis vor ein paar Jahren wurden am Rosenweg durchaus noch Geldmünzen hergestellt – zum Beispiel der Euro.
Gestaunt wurde über die Größe der Hallen, der hohe Grad an Präsizionsautomatik, über die sorgfältigen computergesteuerten Qualitätskontrollen im Labor, über die Sauberkeit überall. Und über die Tatsache, dass es sich bei einem so großen Industriebetrieb nicht etwa um ein staatliches Unternehmen handelt, sondern um ein Unternehmen aus einer privatwirtschaftlichen Holding.
Aus Sicherheitsgründen konnte nur durch eine geöffnete Tür in die Schmelze geguckt werden, aber die Stangen- und Drahtproduktion beeindruckte auch genug. Sehr interessiert wurde die Verpackungsabteilung begutachtet – wie bringt man meterlange Stangen oder gewaltige Drahtcoils zu den Kunden in aller Welt?
Kathrin Knostmann hatte ein waches Auge auf die kleine Besuchergruppe, die sich aber sehr diszipliniert und vorsichtig von einem sehr geduldigen und sachverständigen Gerd Schiwiora durch die Hallen führen ließ. Immer wieder wurde nachgefragt.
Jeder Dolmetscher hätte kapituliert
Einen Übersetzer mitzubringen war der Gruppe nicht möglich, vor den vielen Fachausdrücken, mit denen Schiwiora um sich werfen musste, hätte der sicher auch schnell kapituliert. Es ging auch so.
Entwickelt wurde die Idee der Werksbesichtigung im Begegnungscafé für Geflüchtete im Pfarrheim von St. Marien. Gerd Schiwiora ist da einer der Helfer der ersten Stunde. „Unsere neuen Nachbarn kennen oft überhaupt keine Industriefertigung, sie wissen fast nichts über Arbeitsplätze hier oder über die Produkte, die allein in Schwerte hergestellt werden“, hatte Schiwiora erfahren. Einen Versuchsballon war es wert: Schiwiora fragte bei seinem Arbeitgeber Deutsche Nickel nach und bekam sehr kurzfristig einen Besichtigungstermin.
„Es ging nicht darum, Jobs zu vermitteln oder Praktika – es soll bei diesen und hoffentlich allen noch folgenden Besichtigungsmöglichkeiten in erster Linie darum gehen, den beruflichen Horizont der Geflüchteten zu erweitern“, sagt Gerd Schiwiora. Nur zwei der angemeldeten Männer waren nicht gekommen, für Schiwiora ist das eine sehr gute Quote.
Wünschenswert wäre es jetzt, wenn weitere größere und kleinere Firmen, Werkstätten oder Freiberufler sich im Begegnungscafé St. Marien melden und einige der neuen Nachbarn einladen würden. Meldungen nimmt der Koordinator der sieben Begegnungscafés in Schwerte, Martin Krehl, entgegen (krehl@schwerterkirchen.de).
